Buchrezension: The City of Tomorrow

© C. Ratti und M. Claudel

Die global voranschreitenden Urbanisierung und die damit verbundenen zahlreichen und tiefgreifenden Herausforderungen für Städte rücken das Thema Stadtentwicklung und die Organisation des städtischen Lebens immer mehr in den Vordergrund. Eine Reihe von Büchern, u.a. Edward Glaesers "Triumph of the City", Charles Montgomerys "Happy City" oder Jan Gehls "Städte für Menschen", hat in den vergangenen Jahren unterschiedlich Aspekte der Stadtplanung, des Städtebaus und der Stadtökonomie für eine breite Öffentlichkeit thematisiert. Darin wird dargelegt, wie und unter welchen Umständen Städte zum Glück der Stadtbewohner, zum schonenden Umgang mit Ressourcen und zu einer stärkeren wirtschaftlichen Dynamik beitragen können. Mit der Digitalisierung werden nun neue Möglichkeiten erkennbar, Städte lebenswerter, effizienter und dynamischer zu organisieren. Die Stadt von morgen und die Rolle der digitalen Technologie sind die Kernthemen des kürzlich erschienenen Buches "The City of Tomorrow: Sensors, Networks, Hackers, and the Future of Urban Life" von Carlo Ratti und Matthew Claudel vom Senseable City Lab am MIT in Boston. Die beiden Autoren wenden sich mit ihrem Buch an eine breite Leserschaft und zeigen in der mit zahlreichen Beispielen illustrierten Publikation die bisherigen und durch die Digitalisierung künftig möglichen Entwicklungspfade für Städte auf. Ratti und Claudel bedienen sich hierbei eines Kunstgriffs: Sie geben keine Prognosen zur künftigen Entwicklung der Städte ab, sondern stellen Ideen und (spekulative) Entwicklungspfade zur Diskussion.

Mit dieser als futurecraft betitelten Methode entwerfen die Autoren eine positive Vision für die Zukunft der Städte: Die Smart Cities der kommenden Jahre sind urbane Räume, derer sich smarte Bürger bemächtigen und die sie nach ihren Wünschen und Bedürfnissen gestalten können. Digitale Technologien ermöglichen nicht nur eine höhere Effizienz des städtischen Lebens und Wirtschaftens, sondern ebenso mehr Mitsprache, Eigeninitiative und Co-Creations. Bisherige Top-Down-Prozesse bei stadtentwicklungspolitischen Entscheidungen werden zunehmend durch Graswurzelbewegungen und Bottom-up Prozesse ergänzt.

Ratti und Claudel gliedern ihr Buch in vier Teile: Ein grundlegender erster Teil stellt die bisherige Entwicklung der Städte dar, der zweite Teil widmet sich den Daten, die städtische Bewohner und Unternehmen mit Hilfe von Sensoren, Smartphones und Computern in Netzwerken erzeugen. Der dritte Teil beleuchtet die Möglichkeiten neuer Technologien und Datenangebote in den Bereichen Verkehr, Energie und städtische Produktion. Im vierten Teil werfen die Autoren schließlich einen Blick auf die stadtentwicklungspolitischen Entscheidungsprozesse der Zukunft und das liberalisierende und schöpferische Potenzial digitaler Technologien. Dabei werden in allen Teilen stets die Implikationen neuer Technologien für die Stadtentwicklung thematisiert.

Die einleitenden Kapitel in Teil 1 thematisieren zunächst den Nexus von Stadtentwicklung und Technologie. Bei der Definition der Smart City bleiben Ratti und Claudel ein wenig hinter dem aktuellen Forschungsstand zurück oder heben zumindest sehr einseitig auf den Aspekt der Digitalisierung der Stadt ab. Dabei kommt ein wenig zu kurz, dass sich smarte Städte vor allem soziale Strukturen und das Humankapital der Bürger in Verbindung mit digitaler Technologie zunutze machen (für einen Überblick siehe hierzu Albino et al. (2015)). Dies überrrascht, da dieser Aspekt den Autoren sehr wohl bewusst ist und in den folgenden Kapiteln eine wesentliche Rolle spielt.

Der zweite Teil vermittelt sehr anschaulich, welche Visualisierungs- und Erkenntnismöglichkeiten Big Data Forschern, Unternehmen und Stadtentwicklern eröffnen. Zudem liefern die Autoren interessante Ideen, in welchen Bereichen der Datengewinnung Bürger künftig eine größere Rolle spielen könnten. So könnten mit kleinen Sensoren und Smartphones ausgerüstete Bewohner beispielsweise die Luftqualität in allen Quartieren der Stadt messen und so zu einer besseren Datenlage und einem darüber höherem Verständnis der Ursachen für eventuelle Beeinträchtigungen beitragen. Auch Themen wie das bedrohte Recht auf informationelle Selbstbestimmung werden hierbei kurz angerissen: So wird die Idee aufgebracht, dass Bürger künftig einen Teil ihrer Daten in "sicheren Datencontainern" ablegen könnten, die von einer Erfassung und Verarbeitung ausgenommen sind.

Der dritte Teil befasst sich mit Verkehr, Energie und städtischer Wirtschaft und bietet nicht unbedingt in jeder Hinsicht neue Ideen, ist aber gleichwohl sehr lesenwert. Hier werden in kompakter Form die wesentlichen Potenziale von Car Sharing, autonomen Fahren und intermodalen Verkehrsangeboten, von Smart Grids im Energiebereich und von neuen Fertigungsverfahren, wie dem Additive Layer Verfahren oder 3D-Druck für die Stadtentwicklung aufgezeigt: Grundtenor der Ausführungen ist, dass digitale Technologien die Paradigmen der Stadtentwicklungspolitik und die Entwicklungslinien der Städte der vergangenen Jahrzehnte künftig grundlegend ändern werden. Beispielsweise mutmaßen die Autoren, dass der in der Vergangenheit zu beobachtende sich selbst verstärkende Prozess, in dem mehr Autos mehr Straßen erfordern, die ihrerseits zu mehr Autos führen, ein Ende finden dürfte. Die Digitalisierung ermöglicht bequeme Car Sharing Modelle und eine zunehmend intermodale Verkehrsmittelwahl der Stadtnutzer, die mittel- bis langfristig zu sinkenden Automobilzahlen führen dürften. Infolge der "third industrial revolution", der englische Begriff für Industrie 4.0, gehen Ratti und Claudel davon aus, dass sich die Städte wieder mehr entlang der Entwicklungslinien zu vorindustriellen Zeiten entwickeln könnten: Statt in großen Industriezonen und Industriekomplexen findet (industrielle) Produktion in den kommenden Jahrzehnten vermehrt dezentral und nahe der Wohnquartiere statt. Mehr noch: Neben maßgeschneiderten Produkten, kleinen Losgrößen in der Produktion, der schnellen Umsetzung von digitalen Modellen in reale Produkte durch additive Layer Verfahren werden auch die gesellschaftlichen Konsequenzen der Technologie aufgezeigt: Angesichts des in der Technologie verankerten Wissens und mit Hilfe intuitiver Software können Laien zu Konstrukteuren werden. Soziale Netzwerke ermöglichen zudem, dass unterschiedliche Akteure kollaborativ an der Konzeption und Herstellung von Produkten arbeiten.

Denkt man die Konsequenzen einer solchen Technologie über die im dritten Teil des Buches beschriebene Sphäre der Produktion hinaus, zeigt sich, welche mächtige Technologie hier in den Startlöchern steckt. Bürger können in Co-Creations nicht nur Güter, sondern auch Stadtteil- und Stadtplanungsprojekte initiieren und vorantreiben. Smarte Software und smarte Plattformen wie meinBerlin.de oder remix.com erlauben heute schon derartige Co-Creations und DIY-Stadtentwicklungsprojekte. Insofern verwundert es fast, dass Ratti und Claudel diese Bereiche als Zukunftsmusik im vierten Teil des Buches besprechen. Gleichwohl dürfte eine radikale Umsetzung dieses Bottom-up-Prinzips, eine Landnahme der Stadtpolitik durch smarte Bürger, wie sie Ratti und Claudel andenken, sicherlich noch Zeit und einen Mentalitätswechsel der Stadtgesellschaft erfordern.

Auch wenn das Buch von Ratti und Claudel nicht alle Themen der Smart City behandelt und vor allem auf die Chancen und weniger die Risiken digitaler Technologien in der Smart City fokussiert, bietet das Buch einen äußerst lesenswerten und gelungenen Überblick und Einstieg für alle, die sich mit dem Thema der Stadt von heute und der Stadt von morgen beschäftigen wollen.

 

C. Ratti, M. Claudel (2016): The City of Tomorrow: Sensors, Networks, Hackers, and the Future of Urban Life, Yale University Press, New Haven and London. Link zur Verlagsseite.

Quellen

  • Albino, V., Berardi, U., Dangelico, R.M. (2015): Smart Cities: Definitions, Dimensions, Performance, and Initiatives, Journal of Urban Technology, Vol. 22, S. 3-21.
  • J. Gehl (2015), Städte für Menschen, Jovis, 2015.
  • E. Glaeser (2011): Triumph of the City, Penguin Press, 2011.
  • C. Montgomery (2013): Happy City - Transforming Our Lives Through Urban Design, Farrar, Straus & Giroux, 2013.
  • C. Ratti, M. Claudel (2016): The City of Tomorrow: Sensors, Networks, Hackers, and the Future of Urban Life, Yale University Press, New Haven and London, 2016.

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